Einladung zum Winterkolloquium 2018: Afrikanische Schweinepest und der Einfluss des Schalenwildes auf die Waldverjüngung

Das ÖJV-Winterkolloquium informiert traditionell zu jagdlich brisanten Themen und hat sich damit bereits zu einer festen  Größe entwickelt. Zwei Aspekte haben im zurückliegenden Jahr die jagdliche Themenwelt im Besonderen dominiert: die Jagd auf das Rot- und Rehwild im Erzgebirge und das Voranschreiten der Afrikanischen Schweinepest (ASP).

Die Schäden durch Schäle und Verbiss im Wald sind hoch wie selten zuvor und gefährden die teuren Investitionen in den Waldumbau. Für Forstbetriebe und Grundeigentümer steht darum mehrheitlich fest: die Wildbestände müssen reduziert werden. Dagegen formiert sich Widerstand durch die Hegegemeinschaften und Jagdpächter, die um den Tierschutz fürchten und die Schadursachen in der Jagdpraxis sehen.

Die ASP ist bereits in der Tschechischen Republik und in Polen angekommen und steht damit unmittelbar vor den Toren Sachsens. Ein Ausbruch der tödlichen Seuche hätte für Land-, Forst- und Jagdwirtschaft gravierende Einschnitte und horrende finanzielle Strapazen zur Folge. Die hohen Wildschweinbestände stehen dabei als Krankheitsüberträger im Fokus. Doch Wildschweine sind nachtaktiv und schlau, mit gebräuchlichen Jagdmethoden ist Ihnen nicht mehr Herr zu werden. Wie kann man der Seuche also überhaupt noch präventiv entgegentreten und welche Folgen hätte ein Ausbruch in Sachsen?

Der Ökologische Jagdverein Sachsen freut sich zu beiden brennenden Themen hochkarätige Referenten am 17. Januar, um 18:30 Uhr in Tharandt (Fachrichtung Forstwissenschaften, Judeichbau, Pienner Str. 19) vorstellen zu dürfen:

  • Frank Christian Heute spricht über den Einfluss des Schalenwildes auf die Waldverjüngung. Der studierte Landschaftsökologe ist selbst Jagdpächter und hat damit Einblick auf beide Seiten der Medaille. Als Projektleiter und Autor zahlreicher Publikationen in Sachen Wald und Wild gilt er als anerkannter Fachmann in seinem Bereich.
  • Torsten Müller spricht über Prävention und Folgen der Afrikanischen Schweinepest in Anbetracht der geplanten Änderung des Jagdgesetzes. Der Veterinär arbeitet im Sachgebiet Seuchenbekämpfung des Erzgebirgskreises und ist damit unmittelbar mit der Thematik betroffen.

Wir laden Sie herzlich dazu ein, den Abend mit uns zu verbringen. Wie üblich wird im Anschluss in familiärer Atmosphäre ein kleiner Imbiss zur Verfügung stehen.

PosterWinterkolloquium2018

 

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Jagd auf dem Prüfstand (SWR)

Der SWR widmete am vergangenen Dienstag  eine Stunde Sendezeit den aktuellen Entwicklungen auf der Jagd in Deutschland. Neben den Regularien des Jagdscheines werden das Revierjagdsystem und die Folgen überhöhter Wildbestände thematisiert. Viele Szenenschnipsel könnten Ihnen bereits aus vergangenen Sendungen bekannt vorkommen. Diese werden nun durch die Moderatoren mit dem Experten Prof. Rainer Wagelaar der Hochschule Rottenburg analysiert und diskutiert.

swr

Dabei wird auch ein Blick über den Tellerrand hinaus nach Genf geworfen. Dort wurde die ‚Hobbyjagd‘ seit nunmehr 40 Jahren abgeschafft. Dass dort gar nicht mehr gejagt wird, wie man es häufig zu hören bekommt, ist hingegen falsch. Die Jagd übernehmen technikaffine staatliche Ranger mit bildsendenden Wildkameras, Nachtsicht- und Wärmebildtechnik. Was in Deutschland wohl noch häufig mit einem Aufschrei aufgrund missachteter Weidgerechtigkeit quittiert werden würde, hat man dort ganz offiziell als tierschutzgerechte, störungsarme und effiziente Jagdmethode deklariert.

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Link: SWR – Jagd auf dem Prüfstand (Sendung vom 10.01.2017)

Wolf für steigende Wildschäden verantwortlich?

Die Schuld sucht man bekanntlich am besten zuerst bei anderen. So meldete der LJV Brandenburg jüngst, dass der Wolf für die steigenden Wildschäden in der Annaburger Heide verantwortlich ist. Man bemüht sich dabei nicht einmal um einen vermutenden Konjunktiv, die Schuldfrage ist für die hiesigen Jäger bereits klar geregelt.

Der Verband führt aus, dass das Kahlwild des Rotwildes seit der Anwesenheit des Wolfes Großrudel von bis zu 120 Stücken bildete, die bereits tagsüber auf die Felder austräten und dort binnen weniger Stunden riesige Schäden anrichten würden.

Dabei haben Wildbiologen den Mythos um die sogenannten „Angstrudel“ längst ausgeräumt. Die Rudelgröße hängt dabei in erster Linie mit der Nahrungsverfügbarkeit zusammen. Auf großen Freiflächen und offenen Habitaten können sich durchaus ohne vermeintliches Mitwirken des Wolfes solche Rudelstärken bilden. Im dichten und nahrungsärmeren Wald verlieren diese sich dann wieder aus den Augen und lösen sich auf.

Ein zweiter Aspekt ist die vorhandene Wilddichte. Es müssen erst einmal 120 Stück Kahlwild vorhanden sein, um ein solches Rudel bilden zu können. Dem Text nach handelt es sich auch nicht um das Einzige seiner Art. Ein solch großes Streifgebiet, das Gebiet der Hegegemeinschaft Annaburger Heide verfügt über 44.000 Hektar, scheint ja zudem extrem unwahrscheinlich. Telemetriestudien an Rotwild in Wolfsgebieten zeigen darüber hinaus, dass sich die Streifgebiete bei der Anwesenheit des Wolfes eben nicht verändern.

Ist diese Meldung dann nicht eher eine Offenbarung, dass unabhängig von der Anwesenheit des Wolfes eine überhöhte Wilddichte vorlag und vorliegt, die zu diesen hohen Wildschäden führt? In diesem Zusammenhang muss man auch hinterfragen, ob 120 Stück Rotwild in einem Rudel unwesentlich mehr Schaden anrichten würden als 10 Rudel mit je 12 Stück Rotwild.

Ohne Frage, der Wolf mischt neuerdings bei der Jagd mit und wir müssen uns alle darauf einstellen. Für den ein oder anderen sind diese Umstellungen und die Aufgabe alter Gewohnheiten sicher traurig. Den gestiegenen Wildschaden mit dem Wolf erklären zu wollen ist jedoch eine Farce. Es diskreditiert die Jägerschaft als Sachverständige der Natur selbst. Vielleicht sollte man die Ursache eher bei den jüngst nicht erfüllten Abschussplänen in der Hegegemeinschaft suchen.

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Update (3. September): Der ÖJV Brandenburg bezieht Stellung zum Thema

Presseschau: Rotwild, Abschusspläne

  1. Ein Forschungsprojekt zwischen dem Staatsbetrieb Sachsenforst und der Professur für Forstzoologie soll dazu beitragen den Streit um die korrekte Bewirtschaftung des Rotwildes in Sachsen zu versachlichen. Seit kurzem existiert dazu eine Internetpräsenz, auf der man sich über Neuigkeiten und Projektziele informieren kann. Beispielsweise dass seit Januar 2016 bereits elf Tiere besendert worden sind und kontinuierlich Daten liefern. Link: Aktuelles zum Rotwildprojekt in Sachsen (Sachsenforst)
  2. Auch in anderen Bundesländern ist der Umgang mit dem Rotwild zu einem brennenden Thema geworden. Nach den Aufdeckungen des BUND in Hessen war in der Ökojagd Ausgabe 1|2016 ein Beitrag über Nordrhein-Westfalen zu lesen. Dieser kann über die Internetpräsenz des Autors Frank Christian Heute heruntergeladen werden. Link: Rotwild in NRW – Arbeiten die Hegegemeinschaften noch zeitgemäß?
  3. Markus Ganserer, Abgeordneter der Grünen im Bayerischen Landtag fordert, dass die Bayerischen Jäger mehr Wild schießen sollen. Jedes Jahr werden in Bayern Millionen von Euro für Zaunbau und Einzelschutz ausgegeben, obwohl die natürliche Verjüngung laut Waldgesetz „im Wesentlichen ohne Schutzmaßnahmen“ möglich sein soll. Link: Jäger müssen mehr Wild erlegen (Süddeutsche Zeitung)

Hessen: Rotwildskandal im Spessart

Bereits Ende letzten Jahres veröffentlichte der BUND Naturschutz einen Bericht über die Zustände des Waldes im hessischen Forstamt Jossgrund. Der Vorwurf: die jagdlichen Interessen der Forstbeamten hätten oberste Priorität, der Zustand des Waldes sei dabei zu einer Nebensächlichkeit verkommen und verschlechtere sich zunehmend.

Die folgenden Bildergalerien, alle Aufnahmen mit GPS unterlegt, bestätigen den desolaten Zustand des Waldes. Es werden extremste Verbiss- und Schälschäden gezeigt, die ihresgleichen suchen:

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Dabei sollte man sich keiner Illusion hergeben, denn so extrem sie auf den ersten Blick erscheinen, diese Aufnahmen sind deutschlandweit keine Einzelfälle.
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Link zur Homepage Spessart-Wald.de

 

Bündnis 90/Die Grünen: Rotwildbestände in weiten Teilen Sachsens zu hoch für naturnahen Waldumbau

Die Grünen in Sachsen sehen sich nach der Anhörung der Sachverständigen im Ausschuss für Umwelt und Landwirtschaft  in ihrem Antrag zum naturnahen Waldumbau bestätigt.

Der umweltpolitische Sprecher der Fraktion Wolfram Günter erklärte anschließend, dass „insbesondere der Einfluss des Rot- und Rehwildes bei der Entwicklung der Waldverjüngung und der Bodenvegetation auch in den sächsischen Wäldern eine wesentliche Rolle spielt. Gegenwärtig sind die für den Waldumbau besonders geeigneten Baumarten wie Weißtanne, Eiche, Buche und Edellaubbaumarten wie Bergahorn, Ulme, Linde in einigen sächsischen Regionen durch Wildverbiss gefährdet. Die Wildbestände insbesondere des Schalenwildes und hier des Rotwildes sind derzeit für einen Waldumbau ohne kostenintensiven Zaunbau in weiten Teilen Sachsens zu hoch. Das jagdliche Ziel, auf Dauer verträgliche Wilddichten zu schaffen und die Naturverjüngung ohne Zäune weitgehend zu ermöglichen, wurde in vielen sächsischen Regionen bisher deutlich verfehlt. Positive Beispiele für gelingenden Waldumbau mit angepassten Wilddichten sind die Reviere in Eibenstock, im Tharandter Wald und in Cunnersdorf. Hier können Tannen ohne Zäune nachwachsen.“

Stellung bezogen hat auch die Partei Die Linke, allerdings mit komplett konträren Schlussfolgerungen aus der Veranstaltung. Kathrin Kagelmann (Die Linke) erklärte: „Dabei ist in der Wissenschaft längst Allgemeingut, dass es den einfachen Zusammenhang zwischen hoher Wilddichte und großen Schäl- und Verbissschäden so nicht gibt.“

Diese Aussage, gern in Jägerkreisen als Schutzschild für weitere Erhöhung der Wilddichten missbraucht, wird durch mehrfache Wiederholung dennoch nicht wahr. Frau Kagelmann bleibt auch die Namen der wissenschaftlichen Urheber leider schuldig.

Die Realität belegt quantitativ messbar anhand von Verbiss- und Schälgutachten in Sachsen das Gegenteil: wo viel Wild vorhanden ist, entstehen auch die meisten Schäden. Aus gegebenem Anlass möchten wir darum auf die Publikation zum „Wald-Wild-Konflikt“ verweisen. Daran waren maßgeblich vier promovierte Wissenschaftler aus drei forstlichen Fakultäten beteiligt. Damit erfüllt dieses Schriftstück wohl eher das Prädikat „Wissenschaftlichen Allgemeinguts“.


Pressemitteilung Die Grünen
Pressemitteilung Die Linke

 

 

Perlen des Lokaljournalismus

Der Printjournalismus stirbt. In Zeiten, da jeder die eigene Meinung seinen Mitmenschen im World Wide Web mitteilen kann, ist der Mehrwert einer modifizierten Pressemitteilung sehr überschaubar. Man kann sich also darüber streiten, ob mangelnde Recherche die Verkaufszahlen sinken ließ, oder ob durch sinkende Verkaufszahlen kein Geld für Recherche über blieb.

Der Streit um die Jagd auf das Rotwild im Erzgebirge dauert nun seit einem Jahr an. Viel Zeit um die Behauptungen beider Streitparteien objektiv zu hinterfragen. Beispielsweise durch Analyse von Streckenstatistiken und deren Trend, oder der Verbissgutachten. Obwohl die Freie Presse seit Anfang an das tragende Medium der Auseinandersetzung ist, findet man dort nichts dergleichen.

Im Gegenteil, je nachdem welche Lokalausgabe Sie erhalten, kann auch das Ergebnis ein und derselben Veranstaltung schon mal voneinander abweichen. Auch wenn alle Artikel vom gleichen Autor stammen. Letzte Woche fand der „Runde Tisch“ zum Thema Rotwild statt. In Annaberg, Stollberg, Marienberg, Schwarzenberg und Zschopau geht die Veranstaltung „fast ohne Ergebnis“ aus. In Aue sieht das ähnlich aus: sie „bringt wenig“. Nicht jedoch so in Chemnitz: dort gibt es gar „Ärger nach der Jagd-Debatte“.RotwildBagehorn

Rotwild im Erzgebirge: Hegegemeinschaft jetzt auch mit Forschungsprojekt unzufrieden

Der Streit um die Bejagung des Rotwildes im Erzgebirge dauert nach wie vor an. Wir fassen an dieser Stelle die Entwicklungen der letzten Wochen kurz zusammen. Alle Punkte können sie nachlesen, wir haben die Quelle jeweils verlinkt. Für den Fall, dass sie den Start verpasst hatten: Eine Vereinigung aus Mitgliedern der Hegegemeinschaften sowie einiger Kreisjagdverbände unterstellt dem Staatsbetrieb Sachsenforst, unter dem Deckmantel des Waldumbaus einen radikalen Abschuss des Rotwildes zu verbergen.

26. September, Freie Presse: Karsten Bergner, Vorsitzender der Hegegemeinschaft schlägt ein Forschungsprojekt zur Lösung des Konfliktes vor. Die Federführung solle dabei die TU Dresden übernehmen. Finanzierung und Methodik des Projektes sind jedoch unklar. Fragestellungen, die das Projekt beantworten soll:

  • Raum-Zeit-Dynamik des Rotwildes
  • Notfütterungskonzept
  • verträgliche Wilddichten in verschiedenen Biotopen

08. Oktober, Freie Presse: Der Staatsbetrieb Sachsenforst kündigt ein Rotwild-Forschungprojekt an. Die Federführung übernimmt dabei die TU Dresden, Lehrstuhl für Forstzoologie. Inhaltliche Schwerpunkte, die das Projekt beantworten soll:

  • Größe der Teilpopulationen des Rotwildes ( = wo gibt es wieviel Rotwild?)
  • Auswirkungen von Jagd und Erholungssuchenden auf Raum-Zeit-Dynamik des Rotwildes
  • Ansprüche des Rotwildes an den Lebensraum

Karsten Bergner begrüßt, dass die Einsicht über die Notwendigkeit eines solchen Projektes bei Sachsenforst gereift sei, schließt eine der Teilnahme der Hegegemeinschaft nicht aus, möchte aber sein eigenes Projekt vorantreiben.

15. Oktober, Freie Presse: Sachsenforst veröffentlicht eine Pressemitteilung über die Ergebnisse des Verbiss- und Schälgutachtens. Die Freie Presse greift diese Thematik auf, interviewt den Geschäftsführer. Dieser erwähnt dabei auch die zukünftige Jagdstrategie mittels bald anstehender Drückjagden und das kürzlich angeschobene Projekt. Karsten Bergner hat seine Meinung inzwischen geändert. Das Projekt sei nur dazu da die Öffentlichkeit ruhig zu stellen, die inhaltlichen Schwerpunkte falsch gesetzt. Er fordert die Erforschung folgender Fragestellungen:

  • Wo gibt es wieviel Rowild?
  • Wo muss gefüttert werden?
  • welches Bejagungskonzept ist korrekt?

15. Oktober, Pressemitteilung Karsten Bergner: Jetzt ist nicht nur der Inhalt falsch, sondern auch der Kooperationspartner. Das Forschungsprojekt sei keine Aufgabe für Zoologen, sondern für „Profis im Wildtiermanagement“. Außerdem: Ein vom Sachsenforst bezahltes Projekt wäre von vorn herein methodisch verfälscht. Es müsse von einer unabhängigen Institution geleitet werden, nämlich der Dozentur für Wildbiologie der TU Dresden.

Soweit zu den aktuellen Entwicklungen.

Die Hegegemeinschaft ist also unzufrieden mit der Wahl der forschenden Institution. Ihr eigener Vorschlag ist Herr Prof. Herzog, Leiter der Dozentur für Wildökologie und promovierter Forstwissenschaftler. Die Kooperation mit Sachsenforst erfolgt jedoch mit Frau Prof. Roth, Leiterin der Professur für Forstzoologie und promovierte Biologin. Man sollte nicht unerwähnt lassen, dass beide Einrichtungen zur Fachrichtung Forstwissenschaften der TU Dresden gehören und Luftlinie keine 200m auseinander liegen. Auch sollte mal wissen: der Haushalt der TU Dresden ist beschränkt. Forschungsprojekte gibt es nur über Drittmittel, die irgendwer extern bezahlen muss. Das gilt auch für Prof. Herzog. Hier ist also niemand mehr oder weniger ‚unabhängig‘.

Bleibt die Frage, ob die Profession der leitenden Forscher einen maßgeblichen Unterschied ausmachen könnte. Frau Prof. Roth leitet die Arbeitsgruppe Wildtierforschung und kann zahlreiche Publikationen zum Rotwild und anderen hirschartigen in ihren Referenzen aufweisen. Das gleiche Bild bei Prof. Herzog: Referenzen zu ähnlichen Wildtieren mit ähnlichen Methodiken. Auch hier: nichts spricht gegen die derzeitige Kooperation.

Die plötzliche Stimmungsschwankung der Hegegemeinschaft lässt sich objektiv zumindest nicht erklären. Selbst die bisher angekündigten inhaltlichen Schwerpunkte gleichen doch – mit Ausnahme der Fütterung – den ursprünglichen Forderungen der Hegegemeinschaft. Vielleicht ist das gerade der springende Punkt: Prof. Herzog schließt eine Fütterung nämlich nicht konsequent aus. Doch damit steht er bei den Wildtierforschern relativ alleine da. Zitat Dr. Wölfel:

“Die Massenhaltung von Wildtieren in Jagdrevieren ist mit einem ethischen Grundgedanken der Jagd, von Natur- und Tierschutz genauso wenig vereinbar wie landwirtschafliche Zucht- Fütterungs- oder Stallpraktiken und tierärztliche Manipulationen.”

Auch Ulrich Wotschikowsky hat beim Winterkolloquium klar durchblicken lassen, dass er von Fütterungen bei Wildtieren nichts hält. Das sehen wir genau so. Der Winter ist ein natürlicher Flaschenhals und entscheidender Selektionsfaktor. Die Lebensraumkapazität eines Biotopes zeigt sich zudem erst im Winter – Fütterungen halten die Dichte also künstlich hoch. Davon profitiert allein der Jäger.

Das traurige Fazit: Es geht in Sachen Rotwild schon längst nicht mehr um Inhalte, sondern um Macht und politische Einflussnahme. Die Argumentationen der Hegegemeinschaft sind dabei auf dem Niveau einer Daily Soap angelangt. Ihr immerzu bekräftigte Rückendeckung ist eine Illusion. Bauern und Grundbesitzer hatten jüngst im Bauernblatt geschrieben: ‚Das Rotwild gehört zur Kulturlandschaft, ist in seinem Bestand aber gewiss nicht bedroht‘ und die Fortführung der bisherigen Bejagungsstrategie gefordert. Bei den Naturschutzverbänden ist es ähnlich. Der NaBu mittleres Erzgebige ist für die Unterstützung der Petition gar vom Landesverband gerügt worden. Wir blicken hier auf einen Stellvertreterkrieg der Jagdpächter auf dem Rücken der Artenvielfalt und Stabilität der Wälder. Die Beteiligten verkennen dabei, dass auch die Jagd an sich die Leidtragende ist.

Rotwild verdirbt den Charakter – Petition gegen Bergwaldsanierung in Bayern

Alpiner Bergschutzwald benötigt zum dauerhaften Erhalt seiner Lawinenschutzfunktion eine kontinuierliche Verjüngung der Bäume. Bleibt die Verjüngung – beispielsweise aufgrund von hohem Verbissdruck – aus, entstehen Lücken im Bestand, die wiederum vergrasen. Auf diesen Grasteppichen können schließlich Schneebretter abgleiten und Lawinen auslösen, die Häuser und Straßen im Tal unter sich begraben.

Bayern verfügt über viele solch gefährdeter Flächen. Die bekannteste davon befindet sich an der „Weißwand“ über der Alpenstraße zwischen Inzell und Berchtesgarden. Jahrelange Hege und Fütterung von Rotwild und Gams hatten den Bergwald dort derart devastiert, dass ein Sanierungsprogramm von 55 Millionen Mark nötig wurde. Auf gerade einmal 400 Hektar Fläche. Georg Meister hat in seinem Buch „Tatort Wald“ vorgerechnet, dass in den zurückliegenden 100 Jahren von den umliegenden Jagdpächtern rund 400.000 Mark Jagdpacht gezahlt worden waren. Die Ausbeute dafür waren 2.400 Kilogramm Trophäenmasse von Gams und Hirsch, ebenfalls summiert für 100 Jahre. Abzüglich der gezahlten Jagdpacht in dieser Zeit bedeutete die Schutzwaldsanierung also Kosten in Höhe von knapp 23.000 Mark pro Kilo Trophäengewicht – wohlgemerkt: für den Steuerzahler. Nur für das Edelhobby einiger weniger Jäger. Das betreffende Kapitel heißt also nicht ohne Grund „Jagdtrophäen mit Gold aufwiegen“.

Ein Sprung in die Gegenwart. An der Kampenwand, Staatsforstbetrieb Ruhpolding, bahnt sich ein ähnliches Szenario an. Die Förster bemängeln eine Entgleisung der Situation, da selbst die Fichtennaturverjüngung starken Verbiss aufweist. Der Bestand an Rotwild, geschätzt auf 5 Stück Rotwild pro 100 Hektar, soll darum auf 2,5 reduziert werden. Das wären immer noch rund fünf mal mehr Tiere im Vergleich zum Vorkommen der Art in natürlichen Urwäldern. Die örtliche Jägerschaft ist natürlich empört, Tierschützer sprechen bereits von einer Ausrottung. Sie haben darum Unterschriften zum Erhalt eines Wintergatters und des Rotwildes gesammelt und dem Landtag übergeben. Gestern war dieser Streit Thema im Bayerischen Rundfunk in der Sendung „Kontrovers“.

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Durch Rotwild mehrfach verbissene Fichte. Die Förster stehen in einem überalterten Fichtenbestand. Verjüngung ist nicht zu sehen. Dafür aber eine dicke Grasschicht.

Im Video sieht man die Förster in einem überalterten Bestand ohne Verjüngung – dafür aber mit einer dicken Grasdecke. Trotz dieser klaren Anzeichen echauffiert sich im Beitrag eine Biologin des Aktionsbündnis „Wildes Bayern“ darüber, dass nur Bayern im Vergleich zu ganz Europa nicht in der Lage wäre, Forstwirtschaft mit „den Tieren“ zu betreiben. Unser Archiv an Fernsehbeiträgen und Presseartikeln belegt klar das Gegenteil – Ausartungen der Rotwildhege führen Europaweit zu Schäden an Naturwäldern, zum Artenschwund und zu Entmischung. Es ist zudem traurig, dass eine Biologin die Wertigkeit eines Ökosystems an der zahlenmäßigen Häufigkeit einer einzigen Tierart festsetzt und die Flora komplett überblendet.

Noch entsetzlicher wird dieses Thema beim Blick in die Jagdpresse. Beispiel: Wild und Hund veröffentlichte 2012 einen Beitrag über die angeblichen Jagdlichen Vergehen, die unter dem Schutzmantel der Schutzwaldsanierung ablaufen würden. Der Tenor: Die Förster hätten seit Jahren vor lauter Dummheit Bäume an den falschen Standorten gepflanzt. Diese würden nun kümmern und das Wild müsse als leidtragender Schuldiger herhalten.

Stellen wir eines klar: Bäume im alpinen Steilhang wachsen von Natur aus langsam. Das ist nur logisch, denn es ist dort kalt, die Vegetationsperiode kurz, die Sonne selten der Boden extrem flachgründig. Wer würde dort extreme Zuwächse erwarten? Förster rechnen daher mit 20 Jahren, bis aus Sämlingen eine schützende Baumschicht entstanden ist. Wird dieser Wuchs zusätzlich durch stetigen Verbiss gehemmt, geht der Schutzwald zu Grunde. Das jahrzentelanger Verbiss aber überhaupt die primäre Ursache für die Notwendigkeit der Wiederaufforstungen war, wird in der Wild und Hund komplett verschwiegen.

Die Schlussfolgerung der Jagdpresse: Die Förster wären zu wenig Biologe um zu beurteilen ob eine Wildart in ein Biotop gehöre oder nicht. Auch wenn sich diese Frage überhaupt nicht stellt – denn auch an der Weißwand gibt es trotz großzügiger Freigaben noch Gams und Rotwild, nur eben nicht in den Dichten, die sich der gemeine Hobbyschütze erträumt – so zeigt diese Aussage doch auch den unterschiedlichen Standard, mit dem man Maß anlegt. Sobald es sich um den Wolf handelt, ist man seitens der Jäger schließlich nicht zögerlich mit Abschussforderungen und Ausbreitungsverboten – obwohl Wildbiologen hier seit Jahren genau das Gegenteil erläutern. Traurig.

Die Weißtanne und der Rothirsch – nur eine dieser Arten steht tatsächlich auf der Roten Liste

Kahlschlagwirtschaft und Rauchschäden haben einst weitläufig den Rückgang der Weißtanne in Sachsen eingeläutet. Heute findet man im ganzen Bundesland nur noch 2000 vereinzelte Altbäume. Würde man diese alle zusammenstellen, entspräche das einer Fläche von weniger als 10 Hektar.

Sowohl der Kahlschlag als auch die Rauchschäden gehören heute in Sachsen der Vergangenheit an. Indessen wird man sich wieder der Vorteile der Weißtanne gegenüber der dominierenden Fichte bewusst: sie erzielt eine vergleichbare Wuchsleistung und produziert ebenwertiges, geradlinig wachsendes Bauholz. Sie durchwurzelt den Boden tiefer, ist damit besser gegen Sturm geschützt und hält mehr Wasser zurück – beste Voraussetzungen für den Schutz gegen die nächste Flut. Auch für den Klimawandel ist sie gewappnet: die Weißtanne kommt mit deutlich weniger Niederschlägen zurecht. Obendrein sind ihre Nadeln leicht verdaulich für Mikroorganismen und versauern den Boden nicht zusätzlich. Weiterlesen