Wer in England die waldbezogene Avifauna retten möchte, sollte mehr Wildfleisch essen

Zu diesem Schluss kommt eine Forschungsgruppe der Universität in Nottingham. Anstoß der Analyse ist der dort stetige Rückgang der in Wäldern vorkommenden Vogelarten. Neben dem natürlich vorkommenden Rehwild und Rotwild wurden in England zusätzlich Damwild, Sikawild, Muntjaks und das Wasserreh ausgewildert. Durch eine Kombination aus fehlenden Prädatoren, nachlassendem Management durch die Jagd und Winteräsung auf den Feldern nehmen die Wilddichten der Hirschartigen dort wie auch in Deutschland stetig zu. Innerhalb der letzten Jahrzehnte hatte sich damit auch sichtlich die Struktur der Wälder verändert.

Die Forschergruppe hat per Laserscanning die Struktur der Wälder untersucht und dabei Regionen mit hoher und geringer Wilddichte verglichen. Sie kamen zum Schluss, dass die Anzahl und Dichte von Sträuchern und kleinen Bäumen im Höhenbereich bis zu 2 Metern bei hoher Wilddichte um 68% geringer ausfällt. Gerade dieser Bereich ist jedoch essenziell für die meisten Vogelarten.

Diese Ergebnisse stellen damit erneut in Frage, ob Rotwild in Waldlebensräumen überhaupt als „Schirmart“ gelten kann.

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Links:

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Hessenschau: Rotwild quert die Straße

Heute lernen wir in der Hessenschau, warum 150 Stück Rotwild eine Straße überqueren:

  • „zu viele schießwütige Jäger“ aus dem Nachbarrevier
  • nächtliche Stangensucher mit Taschenlampen

Fehlt ja nur noch der Wolf. Dafür zahlt man doch gern Rundfunkbeitrag. Vielleicht liegt es auch einfach an den hohen und weiter ansteigenden Wildbeständen im Taunus. Wir empfehlen dazu auch den Mythos Angstrudel von Ulrich Wotschikowsky.

hessenschau

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Link: Hessenschau vom 2. März
Link: Wiesbadener Kurier zum Thema Rotwildbestände

 

Der Hirsch als Bioingenieur

Vergangene Woche war Hubertustag. Das ist traditionell der Tag im Jahr, an dem die Bedeutung des Rothirsches von der Deutschen Wildtier Stiftung angepriesen wird.

Diese Liste der positiven Merkmale liest sich dieses Jahr ein wenig befremdlich:

„Durch Verbeißen, Schälen, Suhlen und Fegen ihrer Geweihe nehmen sie Einfluss auf die Vegetation.“

Das ist zwar im Kontext positiv gemeint, kann jedoch durchaus auch anders verstanden werden. Es wird aber noch besser:

„Bei ihren Wanderungen transportieren sie Pflanzensamen in Fell und Kot und tragen zu einem artenreichen Ökosystem bei. Das macht dem Hirschen keiner nach: An einem einzigen Tag kann er bis zu 20.000 keimfähige Samen mit seinem Kot ausscheiden.“

Eine steile These. Aber irgendwo hat man davon dann doch schon mal am Stammtisch gehört. Wir haben die Quelle gefunden:

Wolf für steigende Wildschäden verantwortlich?

Die Schuld sucht man bekanntlich am besten zuerst bei anderen. So meldete der LJV Brandenburg jüngst, dass der Wolf für die steigenden Wildschäden in der Annaburger Heide verantwortlich ist. Man bemüht sich dabei nicht einmal um einen vermutenden Konjunktiv, die Schuldfrage ist für die hiesigen Jäger bereits klar geregelt.

Der Verband führt aus, dass das Kahlwild des Rotwildes seit der Anwesenheit des Wolfes Großrudel von bis zu 120 Stücken bildete, die bereits tagsüber auf die Felder austräten und dort binnen weniger Stunden riesige Schäden anrichten würden.

Dabei haben Wildbiologen den Mythos um die sogenannten „Angstrudel“ längst ausgeräumt. Die Rudelgröße hängt dabei in erster Linie mit der Nahrungsverfügbarkeit zusammen. Auf großen Freiflächen und offenen Habitaten können sich durchaus ohne vermeintliches Mitwirken des Wolfes solche Rudelstärken bilden. Im dichten und nahrungsärmeren Wald verlieren diese sich dann wieder aus den Augen und lösen sich auf.

Ein zweiter Aspekt ist die vorhandene Wilddichte. Es müssen erst einmal 120 Stück Kahlwild vorhanden sein, um ein solches Rudel bilden zu können. Dem Text nach handelt es sich auch nicht um das Einzige seiner Art. Ein solch großes Streifgebiet, das Gebiet der Hegegemeinschaft Annaburger Heide verfügt über 44.000 Hektar, scheint ja zudem extrem unwahrscheinlich. Telemetriestudien an Rotwild in Wolfsgebieten zeigen darüber hinaus, dass sich die Streifgebiete bei der Anwesenheit des Wolfes eben nicht verändern.

Ist diese Meldung dann nicht eher eine Offenbarung, dass unabhängig von der Anwesenheit des Wolfes eine überhöhte Wilddichte vorlag und vorliegt, die zu diesen hohen Wildschäden führt? In diesem Zusammenhang muss man auch hinterfragen, ob 120 Stück Rotwild in einem Rudel unwesentlich mehr Schaden anrichten würden als 10 Rudel mit je 12 Stück Rotwild.

Ohne Frage, der Wolf mischt neuerdings bei der Jagd mit und wir müssen uns alle darauf einstellen. Für den ein oder anderen sind diese Umstellungen und die Aufgabe alter Gewohnheiten sicher traurig. Den gestiegenen Wildschaden mit dem Wolf erklären zu wollen ist jedoch eine Farce. Es diskreditiert die Jägerschaft als Sachverständige der Natur selbst. Vielleicht sollte man die Ursache eher bei den jüngst nicht erfüllten Abschussplänen in der Hegegemeinschaft suchen.

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Update (3. September): Der ÖJV Brandenburg bezieht Stellung zum Thema

Jossgrund: Pressesprecherin kündigt Kurskorrektur an

Der BUND hatte Ende 2015 die Zustände im Forstamt Jossgrund (Hessenforst) angeprangert. Durch systematische Trophäenzucht seien dort 4000 ha Wald vollständig ökologisch und ökonomisch devastiert worden. Wir berichteten kürzlich.

Nun kündigt Pressesprecherin Petra Westphal eine Kurskorrektur an. Wie die MainPost gestern berichtete, bestätigte Westphal, dass die Wildschäden im Forstamt zu hoch seien, da die Trophäenjagd und damit verbundene hohe Wildbestände dort vor vielen Jahren einen hohen Stellenwert gehabt hätten. Der Kurswechsel werde mit dem gleichen Personal vollzogen, jedoch mit intensiver Begleitung durch übergeordnete Stellen.

Hans-Jürgen Bachmann, Leiter des betreffenden Forstamtes seit 25 Jahren, spricht derweil von „reißerisch-ideologischen“ Vorwürfen. Doch auch seine Bayerischen Kollegen meinen, dass an der hessischen Grenze ständig permanent jagdlich abgeschöpft werden müsste, um ein Überschwappen der hohen Rotwilddichten nach Bayern zu vermeiden.

 

Hessen: Rotwildskandal im Spessart

Bereits Ende letzten Jahres veröffentlichte der BUND Naturschutz einen Bericht über die Zustände des Waldes im hessischen Forstamt Jossgrund. Der Vorwurf: die jagdlichen Interessen der Forstbeamten hätten oberste Priorität, der Zustand des Waldes sei dabei zu einer Nebensächlichkeit verkommen und verschlechtere sich zunehmend.

Die folgenden Bildergalerien, alle Aufnahmen mit GPS unterlegt, bestätigen den desolaten Zustand des Waldes. Es werden extremste Verbiss- und Schälschäden gezeigt, die ihresgleichen suchen:

hessen

Dabei sollte man sich keiner Illusion hergeben, denn so extrem sie auf den ersten Blick erscheinen, diese Aufnahmen sind deutschlandweit keine Einzelfälle.
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Link zur Homepage Spessart-Wald.de

 

Der ÖJV wünscht fröhliche Weihnachten

Im vergangenen Jahr hatten wir Horst Stern und dessen bemerkenswerten Film „Bemerkungen über den Rothisch“ vorgestellt. Einerseits weil dieser Film genau zum Heiligabend, noch dazu zur besten Sendezeit, ausgestrahlt wurde. Man stelle sich das nur heute einmal vor: investigativ kritisches und nachdenkliches Fernsehen zur Primetime im Ersten. Zum anderen, weil die Diskussion über die Bejagung des Rotwildes in Sachsen gerade dabei war sich ordentlich aufzuschaukeln.

Momentan scheint sich die Lage zu entspannen. Ein Forschungsprojekt wurde angestoßen. CDU und Grüne haben sich deutlich für die Notwendigkeit des Waldumbaus und der Reduktion der Wildbestände auf waldverträgliche Dichten ausgesprochen. Das aktuelle Verbiss- und Schälgutachten zeigt, dass dafür in vielen Teilen Sachsens noch ein weiter Weg zu gehen ist.

Die Aktivitäten Horst Sterns beschränkten sich aber nicht nur auf die Jagd. Er zeigte frontal die Zustände bei der Massentierhaltung, verdeutlichte die Folgen von Massentourismus in sensiblen Ökosystemen und rückte zu unrecht unbeliebte achtbeinige Tiere ins rechte Licht. Würde man seine Filme heute erneut zeigen, man würde ihr Alter nur am Bildformat erkennen. An Aktualität haben sie nichts verloren.

Jahrzehnte später spricht er als Zeitzeuge über sein Leben, seine filmischen Werke und die Wirkung seiner Arbeit. Dieses Video möchten wir Ihnen heute empfehlen. Der ÖJV Sachsen wünscht Ihnen fröhliche Weihnachten und ein gesundes neues Jahr.

 

Bündnis 90/Die Grünen: Rotwildbestände in weiten Teilen Sachsens zu hoch für naturnahen Waldumbau

Die Grünen in Sachsen sehen sich nach der Anhörung der Sachverständigen im Ausschuss für Umwelt und Landwirtschaft  in ihrem Antrag zum naturnahen Waldumbau bestätigt.

Der umweltpolitische Sprecher der Fraktion Wolfram Günter erklärte anschließend, dass „insbesondere der Einfluss des Rot- und Rehwildes bei der Entwicklung der Waldverjüngung und der Bodenvegetation auch in den sächsischen Wäldern eine wesentliche Rolle spielt. Gegenwärtig sind die für den Waldumbau besonders geeigneten Baumarten wie Weißtanne, Eiche, Buche und Edellaubbaumarten wie Bergahorn, Ulme, Linde in einigen sächsischen Regionen durch Wildverbiss gefährdet. Die Wildbestände insbesondere des Schalenwildes und hier des Rotwildes sind derzeit für einen Waldumbau ohne kostenintensiven Zaunbau in weiten Teilen Sachsens zu hoch. Das jagdliche Ziel, auf Dauer verträgliche Wilddichten zu schaffen und die Naturverjüngung ohne Zäune weitgehend zu ermöglichen, wurde in vielen sächsischen Regionen bisher deutlich verfehlt. Positive Beispiele für gelingenden Waldumbau mit angepassten Wilddichten sind die Reviere in Eibenstock, im Tharandter Wald und in Cunnersdorf. Hier können Tannen ohne Zäune nachwachsen.“

Stellung bezogen hat auch die Partei Die Linke, allerdings mit komplett konträren Schlussfolgerungen aus der Veranstaltung. Kathrin Kagelmann (Die Linke) erklärte: „Dabei ist in der Wissenschaft längst Allgemeingut, dass es den einfachen Zusammenhang zwischen hoher Wilddichte und großen Schäl- und Verbissschäden so nicht gibt.“

Diese Aussage, gern in Jägerkreisen als Schutzschild für weitere Erhöhung der Wilddichten missbraucht, wird durch mehrfache Wiederholung dennoch nicht wahr. Frau Kagelmann bleibt auch die Namen der wissenschaftlichen Urheber leider schuldig.

Die Realität belegt quantitativ messbar anhand von Verbiss- und Schälgutachten in Sachsen das Gegenteil: wo viel Wild vorhanden ist, entstehen auch die meisten Schäden. Aus gegebenem Anlass möchten wir darum auf die Publikation zum „Wald-Wild-Konflikt“ verweisen. Daran waren maßgeblich vier promovierte Wissenschaftler aus drei forstlichen Fakultäten beteiligt. Damit erfüllt dieses Schriftstück wohl eher das Prädikat „Wissenschaftlichen Allgemeinguts“.


Pressemitteilung Die Grünen
Pressemitteilung Die Linke

 

 

Perlen des Lokaljournalismus

Der Printjournalismus stirbt. In Zeiten, da jeder die eigene Meinung seinen Mitmenschen im World Wide Web mitteilen kann, ist der Mehrwert einer modifizierten Pressemitteilung sehr überschaubar. Man kann sich also darüber streiten, ob mangelnde Recherche die Verkaufszahlen sinken ließ, oder ob durch sinkende Verkaufszahlen kein Geld für Recherche über blieb.

Der Streit um die Jagd auf das Rotwild im Erzgebirge dauert nun seit einem Jahr an. Viel Zeit um die Behauptungen beider Streitparteien objektiv zu hinterfragen. Beispielsweise durch Analyse von Streckenstatistiken und deren Trend, oder der Verbissgutachten. Obwohl die Freie Presse seit Anfang an das tragende Medium der Auseinandersetzung ist, findet man dort nichts dergleichen.

Im Gegenteil, je nachdem welche Lokalausgabe Sie erhalten, kann auch das Ergebnis ein und derselben Veranstaltung schon mal voneinander abweichen. Auch wenn alle Artikel vom gleichen Autor stammen. Letzte Woche fand der „Runde Tisch“ zum Thema Rotwild statt. In Annaberg, Stollberg, Marienberg, Schwarzenberg und Zschopau geht die Veranstaltung „fast ohne Ergebnis“ aus. In Aue sieht das ähnlich aus: sie „bringt wenig“. Nicht jedoch so in Chemnitz: dort gibt es gar „Ärger nach der Jagd-Debatte“.RotwildBagehorn